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Rede anlässlich Kranzniederlegung zum 72. Jahrestag der Zerstörung von Mainz

Montag, 27. Februar 2017, 9 Uhr
Mahnmal St. Christoph

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

selten liegen Freude und Trauer so eng beieinander wie heute am Rosenmontag: In zwei Stunden verwandeln sich die Straßen un­serer Stadt in eine bunte und fröhliche Festmeile.

Kaum vorstellbar wird dann sein, was heute vor 72 Jahren über eben diese Straßen, Häuser, Plätze, vor allem aber über die Mainzerinnen und Mainzer hereinbrach – ein Inferno unvorstell­baren Ausmaßes!

In nur dreizehn Minuten wurden an diesem Tage 635 Tonnen Spreng- und 935 Tonnen Brandbomben über unserer Stadt abgeworfen. Dreizehn Minuten verwandelten die 2000 Jahre alte Stadt Mainz in eine Hölle aus Feuer, Qualm und Trümmern.

Seit diesem 27. Februar 1945, 16.30 Uhr, ist unsere Stadt eine andere.

Denn auch wenn es in den Jahrzehnten danach gelungen ist, das alte Mainz an vielen Stellen wieder aufleben und zugleich ein neues, modernes Mainz entstehen zu lassen; und auch wenn es gelungen ist, dass sich die Menschen hier wieder heimisch und geborgen fühlen: Die Wunden von damals schmerzen noch und die Opfer sind unvergessen!

Alljährlich kommen wir daher an diesem Tag zum Gedenken zusammen. Und zwar an einen Ort mitten im Herzen unserer Stadt, der uns die Schrecknisse dieses Tages vor 72 Jahren plastisch vor Augen hält.

St. Christoph ist uns heute Sinnbild für die Wucht der Zerstörung. 

Spätestens seit 2015 – dem 70. Jahrestag der Bombardierung von Mainz – ist St. Christoph aber auch Sinnbild dafür, wie durch behut­same Sanierung und Modernisierung ein in die Jahre gekommener Ort plötzlich eine ganz neue würdevolle Ausstrahlung, ja fast schon „Aura“ bekommen kann.

Diese Aura lassen seither mehr und mehr Mainzerinnen und Mainzer, aber auch zunehmend Gäste aus aller Welt, auf sich wirken. Sie informieren sich dabei über das alte Mainz und über die Zeiten von Diktatur und Krieg. Und halten gleichzeitig inne auch jenseits unseres alljährlichen gemeinsamen Gedenkens.

Dass St. Christoph zu einem solchen Ort der Mahnung, der Erinnerung und der Information werden konnte, verdanken wir in hohem Maße dem Engagement Mainzer Bürgerinnen und Bürger. Viele von diesen engagierten Menschen sind heute anwesend und es ist mir ein besonderes Bedürfnis, Ihnen – meine Damen und Herren – dafür hier und heute noch einmal herzlich zu danken.

Mein Dank gilt explizit Herrn Stefan Schmitz, einem wahren Freund und Mäzen unserer Stadt! Ihm verdanken wir entscheidend sowohl die Innengestaltung als auch das würdige Umfeld der Kirche. Er hat das finanzielle Fun­dament bereitgestellt, auf dem St. Christoph neu entstehen konnte.

Wäre es ein nicht so trauriger Anlass, der St. Christoph zu dem gemacht hat, was es ist – eine Kirchenruine aus der dunkelsten Zeit unserer Stadtgeschichte –man könnte fast schon von einem kleinen Schmuckstück sprechen, das Stefan Schmitz und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter für uns alle gefertigt haben.

Der Gedenkort St. Christoph ist fertig gestellt – und dennoch bedarf er weiter des Einsatzes vieler helfender Hände! Es sind die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die uns diesen Ort nicht nur heute zugänglich machen, sondern zu vielen Terminen im Jahr.

Ihnen möchte ich ausdrücklich heute danken und ihnen – und uns allen –  wünsche ich vor allem eines: viele interessierte Besuche­rinnen und Besucher, vor allem aber: noch mehr Unterstützung durch Menschen, die mitmachen, und dadurch helfen, St. Christoph möglichst oft für möglichst viele Interessenten zu öffnen.

Wie schön St. Christoph als Gesamtanlage ist, das kann man jetzt übrigens auch in Buchform erleben! Die Autoren Hartmut Fischer und Elke Höllein haben eine Auswahl von 85 besonders markanten steinernen Zeitzeugen für einen prächtigen Bildband mit dem Titel „Historisches Mainz“ zusammen­gestellt. Die einzelnen Bauten – darunter auf gleich zwei Doppelseiten natürlich auch St. Christoph – werden auf hervorragende Weise mit ihrem Ursprung und ihrem Schicksal im Verlauf der Zeit beschrieben. Und nicht zuletzt werden sie auch anhand historischer und neuer Fotografien dem Betrachter anschaulich vor Augen geführt. Ergänzt wird das von Stefan Schmitz und der Landeshauptstadt Mainz herausgegebene Buch durch einen ausführlichen Beitrag zur Stadtgeschichte von Dr. Matthias Dietz-Lenssen.

Für mich ist all das – das Bürgerengagement für St. Christoph sowie auch die Auseinandersetzung in Wort und Bild mit unserer bewegten Stadtgeschichte –  ein Zeichen der Verantwortung und Hoffnung. Ein Zeichen dafür, dass wir nicht aufhören, uns an das zu erinnern, was war, und daraus Lehren zu ziehen für Heute und Morgen.

Ein ähnliches Anliegen verfolgt auch die vor knapp zwei Jahren gegründete Stiftung „Haus des Erinnerns“ mit dem in die Zukunft gerichteten Zusatz „für Demokratie und Akzeptanz“.

Das „Haus des Erinnerns“ soll ein Gedenkort werden, an dem wir sowohl zurück­schauen in die Vergangenheit, als auch nach vorne blicken in die Zukunft; an dem wir das Wissen um die Verbrechen der NS-Diktatur ver­binden mit dem Streiten für Demokratie; an dem wir die Geschichte der Verfolgung ebenso dokumentieren wie die vielfältigen demokratischen Bewegungen, die sich seither für unsere Gesellschaft, für unsere Meinungsfreiheit und für die Vielfalt an Nationen, Kulturen und Religionen in unserer Stadt einsetzen.

Ich wünsche mir sehr, dass auch die Stiftung für ein „Haus des Erinnerns“ zu einer echten Bürgerstiftung avanciert. Meine Bitte daher an Sie, meine Damen und Herren: Bringen Sie sich in diese Stiftung ein, helfen Sie mit, sie zum Leben zu erwecken!

Informationen zu der Stiftung finden Sie in der neu aufgelegten und erweiterten Broschüre „Pfad der Erinnerung“ – für Interessenten haben wir einige Exemplare heute bereit gelegt. Wie Sie wissen, führt der „Pfad der Erinnerung“ zu einigen Stätten in Mainz, die mit der Verfolgung durch das nationalsozialistische Terrorregime besonderes eng verbunden sind – Stätten, die zu einem großen Teil im unmittelbaren Umfeld von St. Christoph liegen und die wieder oder erstmals zu besuchen ich Ihnen besonders ans Herz legen möchte.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
werfen wir noch einmal den Blick zurück auf den 27. Februar 1945, auf die Minuten und Stunden größter Todesangst.

Viel zu spät ertönte damals der Bombenalarm, viel zu wenig Zeit blieb den Menschen, sich in die Luftschutzkeller zu retten und viel zu viele waren dem Flammenmeer, den herabstürzenden Trümmern, den metertiefen Bombenkratern schutzlos ausgeliefert.

Wer sich aber retten konnte, dem bot sich ein furchtbares Bild: überall tote, verletzte oder verängstigte Menschen, eingestürzte, brennende Häuser, aufgerissene Straßen und Plätze und über allem eine schwarze, undurchdringliche Rauchwolke.

Diesem schrecklichen Tag folgten weitere furchtbare Tage: Tage des Suchens nach Verschütteten und Ver­missten; Tage des bangen Hoffens und der tiefen Trauer.

Vielen Mainzerinnen und Mainzern hat sich der Schreckenstag sogar ein Leben lang eingebrannt: Toni Keim zum Beispiel – der im vergangenen Jahr verstorbene langjährige Mainzer Kulturdezernent – hat dieses lebenslange Trauma einmal sehr bewegend beschrieben. In einem Interview mit dem SWR bekannte er auf die Frage, ob er noch oft an den 27. Februar 1945 denke:

„Dieser Tag bleibt mir bis heute in leidvoller Erinnerung. Ich werde nachts manchmal wach und weiß gar nicht, warum ich noch lebe. Ich zucke heute noch zusammen, wenn ich eine Sirene höre oder wenn mich etwas an Flakfeuer erinnert. Das Knistern und das Brennen der Stadt bleiben mir ewig in Erinnerung.“

Keinen Monat später, am 22. März 1945, morgens um 7 Uhr, marschierten die Amerikaner von der Hechtsheimer Höhe aus in die Mainzer Innenstadt ein. Am 22. März war der Zweite Weltkrieg für die Mainzerinnen und Mainzer zu Ende. Dieser Tag war der Anfang von Frieden und Freiheit. Unsere Stadt erlebte ihn in Trümmern.

Heute ist das – zum Glück – Vergangenheit. Aber gerade wenn wir an diesem Rosenmontag fröhlich singen: „Heile, heile Gänsje, ist bald wieder gut“ – etwas Wehmut bleibt doch über unser verlorenes „Goldisch Meenz“.

Diese Wehmut begleitet uns heute – bei aller Freude an Fastnacht – eben auch durch diesen Tag. Und ich denke, das darf auch so sein.

Meine Damen und Herren,
die meisten von uns kennen nur noch Zeiten des Friedens. Doch das Fundament, auf dem Frieden, Freiheit und Demokratie gedeihen können, ist nicht nur weltweit, sondern auch bei uns brüchig. Und es ist höchst verletzlich, wie uns der Anschlag in Berlin leidvoll gezeigt hat.

Sicher, Mahnen und Gedenken allein helfen nicht – vor allem nicht in Zeiten, wo die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Verunglimpfung bis hin zu offener Volksverhetzung zunehmend fließend zu sein scheint. Hier helfen nur ein genaues Hinhören und das entschiedene Handeln!

Aber das Gedenken erinnert uns doch daran, dass unsere Geschichte eben Teil unserer Identität ist und dass wir eine sowohl gesellschaftlich-politische als auch persönliche Verantwortung für Frieden in unserem Land und in der Welt tragen. Das sind wir den vielen Opfern von damals schuldig.

Im Gedenken an sie – die Toten der Bombardierung von Mainz am 27. Februar 1945 – legen wir heute diesen Kranz nieder.

Wir halten damit unsere Trauer lebendig und bewahren die Erinnerung an die Toten in unseren Herzen.