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Rede anlässlich des 75. Jahrestags der Deportationen Mainzer Juden

20. März 2017, 17.30 Uhr
Marktplatz, Heunensäule

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mainzerinnen und Mainzer,
liebe Schülerinnen und Schüler,

ein Koffer, 50 Reichsmark und um den Hals ein Schild mit Namen, Geburtsdatum und Kenn-Nummer – das war alles, was heute vor 75 Jahren – am Morgen des 20. März 1942 – 470 Mainzer Juden mitnehmen durften, bevor sie ihre Heimatstadt für immer verlassen mussten.

Die allermeisten von ihnen – darunter auch die Mutter der Mainzer Ehrenbürgerin Anna Seghers – sahen Mainz nie wieder.

Sie mussten sich in der Turnhalle der Feldbergschule sammeln, wurden von hier aus am nächsten Tag zum Güterbahnhof an der Mombacher Straße gebracht und weiter nach Darmstadt transportiert.

Fünf Tage danach, am 25. März 1942, fuhr von Darmstadt aus ein Sonderzug der Reichsbahn mit 1000 Juden, darunter den 470 Juden aus Mainz, in ein Durchgangslager im besetzten Polen ab.

Entrechtung, Ausgrenzung und Beraubung – all das hatten Juden in Deutschland schon in den Jahren zuvor auf das Schlimmste erfahren müssen – davon ist uns auch in Mainz die Reichspogrom­nacht vom 9. November 1938 besonders grauenvoll in Erinnerung geblieben.

Aber der 20. März 1942 markiert dennoch einen entscheidenden weiteren Tiefpunkt in der Mainzer Geschichte: Nur zwei Monate nach der Berliner „Wannseekonferenz“, auf der der Holocaust an den Juden endgültig beschlossen, vor allem aber: akribisch durchgeplant wurde, schufen die damals Verantwortlichen auch in  unserer Stadt Fakten.

Ziel des Sonderzugs aus Darmstadt war das Ghetto Piaski bei Lublin im damals von Deutschen besetzten Polen.

In diesem Lager herrschten katastrophale Zustände: Die Menschen hungerten, Cholera- und Typhusepidemien forderten viele Todes­opfer. Arbeitsfähige Juden mussten Zwangsarbeit leisten, viele starben an Erschöpfung.

Wer in Piaski überlebt hatte, der wurde wenige Wochen später in die Vernichtungslager Majdanek und Sobibor weiterverschleppt und dort ermordet.

Auf die erste Massendeportation vom März 1942 folgten Ende September zwei weitere Deportationen von Mainzer Juden:

Am 27. September wurden 453 zumeist ältere Menschen in das Lager Theresienstadt im „Protektorat Böhmen-Mähren“ gebracht.

Man hatte ihnen zynisch einen „Altersruhesitz für Juden“ ver­sprochen, in Wirklichkeit aber mussten sie hier in völlig überfüllten Unterkünften unter den schlimmsten hygienischen Verhältnissen leben und hungern. Viele Menschen starben an Seuchen oder Unterernährung. Und immer wieder rollten Transporte aus Theresienstadt nach Auschwitz in die Gaskammern.

Drei Tage später, am 30. September 1942, wurden dann nochmals 883 hessische Juden, darunter 178 aus Mainz, vermutlich direkt in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet.

Am 10. Februar 1943 und zu Beginn des Jahres 1944 wurden weitere kleinere Gruppen von Juden aus Mainz nach Theresien­stadt deportiert.

Bis Kriegsende waren damit nahezu alle Mainzer Juden, die nicht hatten emigrieren können, deportiert – 1131 Menschen.

Vor den Augen der Öffentlichkeit.

An die Opfer dieser unmenschlichen Verbrechen vor 75 Jahren möchten wir uns heute gemeinsam erinnern und ihre Namen ins Gedächtnis rufen:

  • die Landeshauptstadt Mainz,
  • der Landtag von Rheinland-Pfalz,
  • die Jüdische Gemeinde Mainz,
  • der Verein für Sozialgeschichte Mainz,
  • die Stiftung „Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz Mainz“,
  • die katholische Kirche,
  • die evangelische Kirche,
  • die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit,
  • der rheinland-pfälzische Landesverband der Geschichtslehrer Deutschlands

– und Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, die Sie heute hierhergekommen sind und kurz mit uns innehalten.

Die sie hinschauen und nicht wegsehen.

Gemeinsam gedenken wir unserer einstigen jüdischen Mit­bürgerinnen und Mitbürger – aber wir tun das nicht nur in aller Stille, sondern auch deutlich vernehmbar und durch kleine Zeichen einer sehr persönlichen Erinnerung.

Doch dazu wird unsere Kulturdezernentin Frau Grosse gleich noch ein paar Worte sagen.

Ich selbst übergebe jetzt aber zunächst das Wort an den Landtags­präsidenten von Rheinland-Pfalz, Hendrik Hering.

Im Anschluss an Herrn Hering und Frau Grosse wird dann dankenswerterweise Rabbiner Vernikovsky das Totengebet sprechen sowie Frau Schindler-Siegreich, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, noch einige persönliche Gedanken zur heutigen Lesung der Opfernamen mit uns teilen.

Vielen Dank für Ihr aller Kommen.