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Rede des Oberbürgermeisters zur Kranzniederlegung zum 71. Jahrestag der Zerstörung von Mainz

27. Februar 2016
St. Christoph

Meine Damen und Herren,

als dieser Tag, an dem wir heute zusammengekommen sind, vor 71 Jahren anbrach, da wussten die Menschen nicht, dass er an seinem Ende ein Gedenktag sein würde.

Sie gingen auf die Felder und in die Stadt. Sie holten ihre Rente von der Post oder standen an nach Salz. Sie hatten ihre Töchter und ihre Sönne, ihre Männer und ihre Frauen bei sich. Einige zum letzten Mal.

Als dieser Tag vor 71 Jahre anbrach, da begann er als ein 27. Februar, und die Menschen wussten nicht, dass er an seinem Ende der 27. Februar sein würde,

dass es ein Tag war, der aus einem Kalenderblatt unter vielen, ein Datum machen würde, an dem sich auch 71 Jahre später die, die nachgekommen sind, versammeln, um zu gedenken.

Als dieser Tag vor 71 Jahren anbrach, da wussten die Menschen nicht, dass der Krieg, den Deutschland über die Welt gebracht hatte, auf dem Weg war in unsere Stadt.

Doch er war es. Er kam an diesem Tag – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – nach Deutschland zurück.

Er kam nach Mainz und begrub unsere Stadt – so kurz vor seinem Ende – unter sich.

An diesem Tag wurden aus Lebenden Überlebende – und aus mehr als 1.200 von ihnen wurden Tote. Der Krieg nahm sie aus unserer Stadt – wie er schon so viele an so vielen Tagen zuvor genommen hatte und noch so viele an so vielen Tagen danach nehmen würde. In Mainz und in der ganzen Welt.

Ihrer wollen wir heute gedenken!

Wir gedenken ihrer Familien, die den Ehemann verloren, die die geliebte Frau verloren, den Bruder, die Schwester – oder die Kinder. Der Krieg macht keine Unterschiede.

Unsere Gedanken sind bei denen, die verletzt und traumatisiert zurückblieben, die einen Teil ihres eigenen Lebens verloren – die das verloren, was hätte sein können, wenn Frieden gewesen wäre.

Ihr Leid ist uns Mahnung.

Und wenn wir heute gemeinsam gedenken, dann tun wir das in dem festen Willen, nie wieder jenes Gedankengut zuzulassen, das diesen Krieg entfesselte und unserer Stadt Zerstörung brachte.

Wenn wir heute gemeinsam gedenken, dann tun wir das auch in großer Dankbarkeit, weil wir seit 71 Jahren nur den Frieden kennen.

Gerade heute, wo uns jene, die bei uns Hilfe suchen, erinnern, dass der Krieg noch immer Menschen nimmt – das er Kindern den Vater und Müttern die Kinder nimmt – gerade heute sind wir dankbar für das Geschenk des Friedens.

Wir sind dankbar dafür, weil wir wissen, dass die Aussöhnung der Völker ein schier unfassbares Glück ist, weil jene Menschen, die nach den schrecklichen Jahren dieses schrecklichen Krieges ein gemeinsames Europa bauten, dieselben waren, die am 27. Februar 1945 in den Kellern von Mainz saßen.

Es waren dieselben, die am 14. November 1940 in den Schutz-räumen von Coventry ausharrten oder am 29. Dezember desselben Jahres vor dem Feuersturm aus London flohen.

Es waren jene Menschen, die sich kurz zuvor auf den Schlacht­feldern Europas einander als Feinde gegenüberstanden.

Ist es nicht ein einmaliges Glück der Geschichte, dass diese Menschen der Länder Europas den Weg der Versöhnung wählten? Dass sie nach so viel Leid und Trauer vergeben konnten?

Diese Generation von Europäern war es, die einander die Hände reichte und ein Europa des Friedens baute. Ein Europa, in dem auch unser Mainz aus den Trümmern neu erstehen konnte.

Umso mehr müssen wir heute dafür kämpfen, dass nicht wir, die wir nun Verantwortung für unser Land und Europa tragen, wir, die wir fast alle nur den Frieden kennen, dass nicht wir es sind, die den Traum der Großväter und Väter, der Großmütter und Mütter zu Grabe tragen.

Umso mehr müssen wir auf die immer leiser werdenden Stimmen derer hören, die das schreckliche Leid miterlebt haben und die uns mahnen, nicht zu vergessen.

Oder haben die Europäer schon vergessen?

Haben all jene vergessen, die überall in Europa Parteien wählen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als die Aussöhnung zurück­zudrehen, für die Generationen von Europäerinnen und Europäern gekämpft haben?

Haben all jene vergessen, die Europa, diese große Idee von Solidarität, zurückverwandeln in ein „Schlachtfeld des Egoismus“, in der jeder nur noch bis zu seiner eigenen Grenzen blicken will?

Haben die, die sich über die Rückkehr der Nationen in Europa freuen, vergessen, was die Nationen Europa und seinen Menschen angetan haben?

Wir werden heute mehr denn jemals zuvor jeden Tag daran erinnert, welch großes Geschenk der Frieden ist, den Europa uns schenkte.

Und doch müssen wir mehr denn je um diesen Frieden, um dieses Europa bangen. Nicht, weil Europa von außen bedroht würde, sondern weil immer mehr Menschen bereit zu sein scheinen, jene Werte allzu willig preiszugeben, auf denen Europa gründet.

Ein Europa ohne Europäerinnen und Europäer, das seine gemeinsamen Werte, seine Menschlichkeit und seinen Humanismus preisgibt, ein Europa ohne die Solidarität der Völker –das ist es, was gerade viele fordern.

Sie wissen es vielleicht nicht, weil sich dieses andere Europa hinter anderen Worten verbirgt. Hinter: „Grenzschließungen“ und „Obergrenzen“, hinter „nationalen Maßnahmen“ und „nationaler Handlungsfähigkeit“.

Hören wir auf die Stimmen derer, die uns gerade heute mahnen: Den Schlagbäumen auf den Straßen werden die Schranken in den Köpfen folgen.

Es ist heute an uns, das Geschenk, das uns die Generation von Europäerinnen und Europäern machte, die diesen 27. Februar 1945 erlebte, zu bewahren.

Wir müssen all jenen, die glauben, ihr Glück in die Hände der Nation legen zu müssen, sagen, dass diese Hände zur Faust geballt die allergrößte Bedrohung für den Frieden sind.

Daran erinnert uns dieser 27. Februar seit 71 Jahren.

Dass wir heute gemeinsam gedenken, ist deshalb umso wichtiger.

Wir brauchen Tage der Erinnerung und wir brauchen Orte der Erinnerung. St. Christoph ist ein solcher kraftvoller Erinnerungsort, der uns zum Innehalten einlädt und uns mahnt, unserer Ver­antwortung für den Frieden nachzukommen.

Ich möchte deshalb allen Bürgerinnen und Bürgern danken, die sich seit vielen Jahren mit Herzblut für diesen so bedeutsamen Erinnerungsort in der Initiative St. Christoph engagieren.

Sie haben diesen Ort für uns bewahrt und aufgewertet, den Platz um ihn herum neu gestaltet und uns eine Ausstellung geschenkt, eine Ausstellung übrigens, die von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern betreut wird und Verstärkung sucht.

Herr Schmitz bat mich, Sie heute einzuladen, sich – wenn Sie die Zeit finden – gerne für die Ausstellung zu engagieren.

Der Einsatz der Bürgerinnen und Bürger für unsere Gedenkstätte ist beispielhaft und die Initiative St. Christoph ist weiterhin aktiv.

Gestern wurde das Buch „St. Christoph Verantwortung für eine Mainzer Gedenkstätte. Dokumentation einer Bürgerinitiative“ vorgestellt, das im Bonewitz Verlag erscheint. Es zeigt das groß­artige Engagement der vergangenen Jahre und die Entwicklung der Gedenkstätte.

In diesem Jahr steht nun die Sanierung des Turms an. All das wäre nicht möglich ohne großzügige Spenden. Ich möchte deswegen auch allen Spenderinnen und Spendern heute herzlich danken.

Meine Damen und Herren,

als der Bombenhagel des 27. Februars vorbei war, da sollte auch der Zweite Weltkrieg bald vorbei sein.

Der Tod aber kam noch einmal zurück in unsere Stadt. Am 13. November 1945, als schon acht Monate Frieden war in Mainz, stürzte die von den Bomben schwer beschädigte Holztorschule ein und begrub 18 Mädchen, ihre Lehrerin und ihren Rektor unter sich.

Viele von Ihnen haben vielleicht in der AZ gelesen, dass dieser Ort bis heute kein Erinnerungsort ist, dass keine Gedenktafel an diesen traurigsten Tag in der Nachkriegszeit erinnert.

Dieses Jahr soll sich das ändern. Bürgerinnen und Bürger haben dazu die Initiative ergriffen. Ich möchte heute Frau Coester dafür danken, dass sie sich federführend für die Gedenktafel einsetzt und um Spenden wirbt.

Ein Spendenkonto ist eröffnet und ich bin zuversichtlich, dass wir am 13. November, dem 71. Jahrestag dieses schrecklichen Unglücks, die neue Gedenktafel anbringen können.

Meine Damen und Herren,

als vor 71 Jahren der 27. Februar anbrach, da war es ein normaler Tag in dieser Zeit und St. Christoph war noch kein Erinnerungsort.

Als dieser Tag im Jahr 1945 anbrach, da wussten die Menschen nicht, dass es ein Tag war, der uns 71 Jahre später noch im gemeinsamen Gedenken zusammenführen würde. Sie wussten nicht, dass wir dann hier an dieser Gedenkstätte stehen und gemeinsam die Trauer lebendig halten würden.

Heute herrscht Frieden und Menschlichkeit. Und dieser Tag und dieser Ort mahnen uns, dass es an uns ist, diese Geschenke zu bewahren. Pfarrer Baunacke lädt uns ein, gleich noch ein Friedens­gebet mit ihm zu sprechen.

Zuvor aber legen wir im Gedenken an die Toten hier an der Ruine St. Christoph auch im 71. Jahr einen Kranz nieder.

Wir bewahren die Erinnerung an die Toten in unseren Herzen und zeigen: Wir werden nicht vergessen.