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Rede des Oberbürgermeisters zum Stadtschreiberpreis an Judith Schalansky

19. Februar 2014, Rathaus

Meine sehr verehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Schalansky,

wir haben heute gleich doppelt Grund zu feiern: Zum einen feiern wir mit unserer diesjährigen Preisträgerin Judith Schalansky eine staunenswert vielseitige Autorin und mit ihr das Medium Buch in geradezu vollendeter Form.

Zum anderen feiern wir aber auch den Mainzer Stadtschreiberpreis an sich, denn seine Vergabe jährt sich heute zum 30. Mal.

Als der Preis 1984 unter dem Doppelpatronat von ZDF und Stadt Mainz erstmals vergeben wurde – an Gabriele Wohmann – war das wirklich Neue daran gar nicht das Amt selbst: Stadtschreiber "leisteten" sich schließlich auch andere Orte.                         

Wirklich neu – und bis heute in Deutschland einzigartig – war und ist die Verbindung dieses Literaturpreises mit dem Medium Fernsehen.

Wo ergibt eine solche Verbindung – eine Brücke zwischen Buch und Bildschirm – auch mehr Sinn als in der Medienstadt Mainz, dem Sitz der größten europäischen, öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt?

Es ist daher seit jeher eine Besonderheit des Mainzer Stadt­schreiber­preises, dass mit seiner Annahme die Arbeit an einem elektro­nischen Tagebuch verbunden ist.

Oder sagen wir besser: an einem filmischen Projekt, dessen Thema im Ermessen des Preisträgers liegt und das in Zusammenarbeit mit dem ZDF realisiert wird.

Nach 30 Jahren lässt sich rückblickend feststellen: Dieser Aufgabe haben sich die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger in sehr unterschiedlicher und höchst persönlicher Weise gestellt.

Sie haben uns mal mehr, mal weniger teilhaben lassen am krea­tiven Schaffensprozess, haben uns neue Perspektiven eröffnet oder uns mit­genommen auf eine spannende Reise in eigene und fremde Welten. Sie alle aber waren hochkarätige Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Heute nun heißen wir die 30. Stadtschreiberin in Mainz willkommen: die Autorin, Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin Judith Schalansky.

In unserem Jubiläumsjahr begrüßen wir mit ihr zugleich eine aus­gesprochen vielseitige junge Autorin, die den Beruf der Schriftstellerin wörtlich zu nehmen scheint: Sie schreibt nicht nur, sie gestaltet ihre Bücher auch selbst!

Und das sogar in ausgezeichneter Form: Gleich zweimal – 2009 und 2012 – wurde eines ihrer Bücher zum "schönsten deutschen Buch des Jahres" gekürt. Diese Ehre dürfte nicht vielen Schrift­stellern widerfahren….

So steht Judith Schalansky auch in geradezu idealer Weise für das Allein­stellungsmerkmal des Mainzer Stadtschreiber-Preises: Zu unserem runden Geburtstag hat die Jury die Gelegenheit genutzt, eine Ausnahmekönnerin der literarischen wie der "schwarzen" Kunst, des Gutenberg-Erbes also, auszuzeichnen.

Umgekehrt wird aus dieser Auszeichnung auch ein großer Gewinn für die Kulturstadt Mainz. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger in besonderer Weise auf Buch und Buchgestaltung.

Wie groß das Interesse der Mainzerinnen und Mainzer am Akt des Schreibens ist, sehen wir an der enormen Resonanz, die alle öffentlichen Termine unserer Stadtschreiberinnen und Stadt­schreiber in der Vergan­genheit erfahren haben: ausverkaufte Lesungen, Anfragen für Diskussions­runden, Besuche in Schulen und in der Universität.

Der Stadtschreiberpreis lebt vom persönlichen Austausch von Leser und Dichter. Da kann es schon einmal vorkommen, dass an der Tür zur Stadtschreiberwohnung geklingelt wird, weil eine Bürgerin oder ein Bürger den neuen Amtsinhaber kennenlernen und gleich noch ein paar Fragen zum neuen Roman loswerden möchte…

Apropos: Den Reiz des Mainzer Stadtschreiberpreises macht auch aus, dass das Wohnrecht in der Stadtschreiberwohnung integraler Bestandteil ist.

Die Wohnung im Gutenberg-Museum erstrahlt zum Jubiläumsjahr in neuem Glanz und verschafft Ihnen, verehrte Frau Schalansky, eine nicht nur gedankliche, sondern auch räumliche Nähe zu Druckkunst, Büchern und Bibliotheken…

Und noch etwas: Sie liegt im besten Wortsinne im Herzen der Stadt. Von hier aus blickt man auf Dom und Domplatz und damit auf Geschichte und Gegenwart zugleich.

Sie sehen: Der Mainzer Stadtschreiberpreis ist nicht nur einfach ein besonders tradi­tionsreicher Literaturpreis. Er ist auf seine Weise einzigartig im deutschsprachigen Raum.

Meine Damen und Herren,

einzigartig ist auch das Werk von Judith Schalansky, denn jedes ihrer Bücher ist eine Entdeckung für sich. Oder anders gesagt: eine Wieder-Entdeckung!

Denn was die Autorin, Gestalterin und Herausgeberin uns zwischen zwei Buchdeckeln mit unbändiger Leidenschaft und staunenswerter Akribie präsentiert, sind keineswegs Neuheiten.

Ganz im Gegenteil: Es sind ausgestorbene Schriftarten, abgelegene Inseln, altbackene Bio-Lehrerinnen oder sogar alte Apfel- und Birnensorten, die zu Helden im Kosmos von Judith Schalansky werden.

Das klingt im ersten Moment nach einem Sammelsurium von Absonder­lichkeiten. Doch nur Mut! Denn einmal in Versuchung geführt, kann man gar nicht mehr genug bekommen von der Schönheit einer Welt, die Judith Schalansky uns in die Hände und ans Herz legt.

"Ich würde mir wünschen" – so schrieb ein Rezensent über die von Judith Schalansky herausgegebene und gestaltete Buchreihe „Naturkunden“ (und zu dieser Reihe zählen nicht nur die erwähnten Äpfel und Birnen, sondern auch Prachtbände über Esel, Insekten, Krähen und Dinosaurier) – "Ich würde mir wünschen, man […] würde vorher über die Bücher nichts erfahren. Sie kämen als Überraschungspakete, und der Inhalt wäre jedes Mal so erstaunlich, dass man es gar nicht glauben kann."

"Dass man es gar nicht glauben kann": So ergeht es dem Leser auch beim Aufschlagen von Judith Schalanskys "Atlas der abgelegenen Inseln".

Dieser Atlas entführt uns zu – so der Untertitel – "Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde". Wie aus dem Nichts springen uns diese Inseln aus dem Buch ent­gegen – und mit ihnen fünfzig Geschichten, so spannend wie sie nur das Leben – und eine sehr erfindungsreiche Autorin! – schreiben kann!

Seitdem wissen wir, dass auf der "Weihnachtsinsel" ein grausamer Krieg tobt – zwischen Roten Landkrabben und Gelben Spinner-Ameisen.

Wir wissen, dass die "Einsamkeit" im Nordpolarmeer liegt und keine Illusion zulässt: Sie ist schlicht öde und kalt.

Wir lesen weiter von einem August Gissler, der im 19. Jahrhundert Zenti­meter für Zentimeter die "Kokos-Insel" durchpflügt auf der Suche nach einem Goldschatz.

Und was findet er nach jahrelanger Suche? Nichts – nur ein paar Dukaten und einen goldenen Handschuh! Und bekennt doch auf seinem Sterbebett, er würde alles genau so noch einmal machen. Ja, wenn das nicht das perfekte Leben ist, meine Damen und Herren, dann weiß ich auch nicht, wonach sich die Suche wirklich lohnt!

Nun müssen wir Normalsterblichen dank Judith Schalansky für derlei Erkenntnisse weder nach Neuseeland aufbrechen noch auf die Kokos-Insel reisen.

Bequem vom Sofa aus können wir uns auf die Spuren von See­fahrern, Menschenfressern und Sklavenhändlern ebenso begeben wie auf die von hoffnungslosen Idealisten und Tagträumern. Ein Lesegewinn ist es allemal!

Auch Judith Schalansky selbst ist ja, wie sie sagt, eher eine "Reisende mit dem Finger" als eine mit dem Kompass in der Hand. Und war es seit je.

Denn ihre Bücher erzählen nicht nur von Weite, Ferne und Freiheit, sondern immer auch von Begrenzung. Und damit nicht zuletzt von einem Stück deutsch-deutscher Geschichte.

So schreibt sie, die 1980 in Greifswald geborene Autorin, in ihrem Vorwort zum Insel-Atlas:

"Wahrscheinlich liebte ich Atlanten deshalb so sehr, weil mir ihre Linien, Farben und Namen die wirklichen Orte ersetzten, die ich ohnehin nicht aufsuchen konnte. Und das blieb auch so, als sich alles änderte, die Welt bereisbar wurde und mein Geburtsland samt seinen eingezeichneten und gefühlten Grenzen von den Karten verschwand."

Judith Schalansky, die vieles in einem ist: Autorin, Gestalterin, Sammlerin, Beobachterin, Forscherin, Reise-Führerin, Künstlerin und Philosophin, lehrt uns dennoch mit jeder Zeile und mit jeder Zeichnung die Grenzenlosigkeit und Großartigkeit der Literatur und die Schönheit des gebundenen Buchs!

Bei ihr verbinden sich Form und Inhalt zu einer Einheit – und wir können uns nur beglückwünschen, ihr in den nächsten zwölf Monaten bei diesem Schaffensprozess ein Stück weit zusehen zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass viele von uns in dieser Zeit nicht nur zu Schalansky-Lesern, sondern auch zu Schalansky-Sammlern werden!

Meine Damen und Herren,

wieder also begibt sich Judith Schalansky auf eine Reise, wenn auch nur von Berlin, ihrem Wohnort, zu uns nach Mainz.

Sie wird das damit verbundene Amt als Mainzer Stadtschreiberin 2014, da bin ich mir sicher, auf ihre ganz eigene Weise ausfüllen.

Mit der Einführung von Judith Schalansky endet zugleich das Amtsjahr ihres Vorgängers Peter Stamm. Ihm möchte ich bei dieser Gelegenheit für die Zeit, die er bei uns verbracht hat, sowie für seine Lesungen in unserer Stadt herzlich danken. Ich hoffe, dass Peter Stamm der Stadt Mainz auch in Zukunft verbunden bleiben wird.

Jetzt aber freuen wir uns auf Judith Schalansky und mit ihr auf ein weiteres spannendes Literaturjahr in Mainz!