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Rede des Oberbürgermeisters zur Stiftungsprofessur an Prof. Dr. Christof Wetterich

27. April 2014, Rathaus

Sehr geehrte Damen und Herren,

über unseren neuen Stiftungsprofessor schrieb der Focus im vergangenen Jahr mit einiger Suggestivkraft: "Ist er der neue Einstein?"

Nun bin ich zwar kein Experte in Astro- und Teilchenphysik, sehr geehrter Herr Professor Wetterich, aber ich wage trotzdem die Einschätzung: An der Ähnlichkeit der Haarpracht liegt es nicht, dass der Focus Sie mit einem der größten Physiker überhaupt vergleicht.

Es ist die Bedeutung und das Potenzial Ihrer Arbeit für die Physik und weit darüber hinaus, die die Focus-Redakteure in der Aussage zuspitzen, Sie hätten gar „das Universum neu erfunden“.


Meine Damen und Herren,

die Neuerfindung des Universums – das ist nun wirklich eine herausragende wissenschaftliche Leistung, die an fächerübergreifender Perspektive kaum zu überbieten ist.

Und so war die Berufung auf die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur, deren Markenzeichen eben diese umfassende Perspektive und die Bedeutung der berufenen Persönlichkeiten für Forschung und Gesellschaft ist, nur folgerichtig.


Sehr geehrter Herr Professor Wetterich,

zu dieser Auszeichnung gratuliere ich Ihnen ganz herzlich und heiße Sie im Namen von Rat, Verwaltung und Bürgerschaft in der Landeshauptstadt ganz herzlich willkommen.

Wir sind stolz, dass Sie als einer der international renommiertesten Entdecker unseres Universums die Professur in diesem Jahr innehaben werden.

Nun ist es sicher selbst für den Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessor ein wenig zu viel verlangt, das Universum gleich ganz neu zu erfinden. Das wissen sicher auch die Focus-Redakteure.

Und doch verdeutlichen sie uns astrophysikalischen Laien, mit welchen elementaren Fragen Sie sich auseinandersetzen und auf welche spannende "Zeitreise durchs Universum" Sie uns in Ihrer Vorlesungsreihe mitnehmen werden.

Es sind die Fragen nach dem Ursprung und dem Wesen des Universums. Und damit nach dem Ursprung und Wesen aller Dinge.

Der amerikanische Astronom und moderne Aphoristiker Carl Sagan brachte diesen Sachverhalt auf den Punkt, als er schrieb: „If you wish to make an apple pie from scratch, you must first invent the universe“.

Frei übersetzt: Ohne Universum keinen Apfelkuchen. Oder anders ausgedrückt: Am Anfang aller Fragen steht die Frage nach dem Wesen des Universums.

Ihrer Beantwortung widmet sich Professor Wetterich in seiner täglichen Arbeit seit Jahrzehnten.


Lieber Herr Professor Wetterich,

sehen Sie mir bitte nach, dass ich an dieser Stelle nicht in die Details Ihrer Forschung einsteige. Ich will schließlich nicht versehentlich Ihrer Vorlesungsreihe vorweggreifen.

Aber soviel möchte ich doch sagen: Mit Ihrer Forschung zur dunklen Energie, mit der Theorie der Quintessenz gehören Sie weit über Deutschland hinaus zu den Größen Ihres Faches.

Und Ihre alternative Interpretation der Rotverschiebung, wonach sich das Universum gar nicht ausdehnt, sondern die Masse der Teilchen im Zeitverlauf zunimmt, hat – so scheint es mir – das Potenzial, unsere gängigen Vorstellungen von der Entstehung des Universums auf den Kopf zu stellen.

Und ganz nebenbei erscheint vielen von uns die Theorie von der ständigen Massenzunahme mit zunehmendem Alter auch aus persönlicher Erfahrung sehr plausibel.


Lieber Herr Professor Wetterich,

als Stiftungsprofessor sind Sie Botschafter Ihres Faches. Sie können auch jene Menschen für die Astrophysik begeistern, die sich bisher eher als Bestandteil denn als Erforscher des Universums betrachteten.

Aber keine Sorge: Die Grundlagen für Ihre Vorlesungsreihe haben wir schon für Sie gelegt. Im Jahr 2011 als Mainz "Stadt der Wissenschaft" war, lautete unser Slogan in nur leichter Abwandlung der Einstein’schen Formel: E = MZ².

Das Wesentliche ist den Mainzerinnen und Mainzern also schon bekannt. Darauf können Sie aufbauen.

Als Stiftungsprofessor sind Sie aber auch Botschafter der Wissenschaft im Allgemeinen. Zumal in der Wissenschaftsstadt Mainz, in der Bürgerinnen und Bürger und Studierende aller Fachrichtungen dem Stiftungsprofessor oder der Stiftungsprofessorin mit besonderer Aufmerksamkeit und Neugier begegnen.

Sie können deshalb in den kommenden Monaten auch an der Lösung eines der größten Probleme unserer Zeit arbeiten, dass wiederum Carl Sagan sehr prägnant formuliert hat:

"We live in a society exquisitely dependent on science and technology, in which hardly anyone knows anything about science and technology."

Unsere Zeit ist unbestreitbar eine Zeit der Wissenschaft. Nie zuvor wurde täglich soviel neues Wissen geschaffen, nie zuvor war der Bestand des Wissens der Menschheit so groß wie heute – jedenfalls nicht, dass wir wüssten.

Das bedeutet aber auch, dass es für uns Menschen nie zuvor soviel zu wissen und zu verstehen gab. Und so viele Dinge, die zu verstehen, uns schwer fällt.

Deshalb braucht die Wissenschaft Botschafter, die ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft tragen. Sie braucht Institutionen und Personen, die den Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu all dem Wissen vermitteln: physisch und intellektuell.

Und auf der anderen Seite braucht es Bürgerinnen und Bürger, die der Wissenschaft mit Interesse und Neugier begegnen, die offen sind für neue Erkenntnisse und fruchtbare Diskussionen.

In Mainz finden wir all dies vereint in der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur.

Sie ist ein echtes Aushängeschild unserer Universitäts- und Hochschulstadt. Sie ist aber auch ein echtes Aushängeschild der Wissenschaft vor den Bürgerinnen und Bürgern. Sie schafft Interesse und Kenntnisse.

Und sie ist geboren aus bürgerschaftlichem Engagement.

Wir verdanken die Stiftungsprofessur den "Freunden der Universität Mainz", die sie seit dem Jahr 2000 alljährlich verleihen.

Ein Blick in die Ahnenliste der Stiftungsprofessorinnen und Stiftungsprofessoren, die nun auch Ihre Ahnenliste ist, lieber Professor Wetterich, verrät, welch hohes Renommee der Professur von Anfang an zukam und wie sie gesellschaftliche Aktualität und Zeitlosigkeit zu verbinden vermochte.

Im vergangenen Jahr erklärte Professor Gerold Krause-Junker uns die Europäische Währungsunion. Ein Thema von drängender Aktualität.

Davor war es der Paläo-Biologe und ‑anthropologe Friedemann Schrenk, der sich ähnlich wie Sie den zeitlosen Fragen des Ursprungs nährte – allerdings aus anderer Perspektive.

Vor ihnen wiederum hatten die Professur unter anderem Gottfried Boehm, Angela Friederici, Karl Kardinal Lehmann, Jan Philipp Reemtsma und Hans Dietrich Genscher inne. Schon diese kleine Namensauswahl zeigt die Bedeutung und die thematische Vielfalt der Stiftungsprofessur. Sie zeigt auch, welche Bereicherung diese für unsere Stadt ist.

Dafür möchte ich ganz herzlich den "Freunden der Universität" Mainz danken.

Stellvertretend für die vielen Förderer und Unterstützer der Professur, – darunter Unternehmen ebenso wie Privatpersonen –, danke ich dem Vorsitzenden der „Freunde der Universität“, Herrn Peter Radermacher, dem Präsidenten des Kuratoriums, Herrn Dr. Klaus Adam sowie dem Stiftungs-Vorsitzenden, Herrn Professor Andreas Cesana für ihren engagierten Einsatz.

Herzlich danken möchte ich weiterhin dem Ehrenvorsitzenden Herrn Dr. Hans Friderichs und dem Ehrenpräsidenten Herrn Otto Boehringer sowie dem Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität, Professor Dr. Georg Krausch.

Ohne Ihrer aller Einsatz zum Wohle von Universität, Stadt und Region wäre eine so hochkarätige Gastprofessur undenkbar.

Als Oberbürgermeister schätze ich mich glücklich über die enge Verbindung von Stadt, Universität und Bürgerinnen und Bürgern, die Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, als Personen und die Stiftungsprofessur als Institution repräsentieren.

Nun lassen Sie mich, weil aller guten Dinge drei sind und weil Carl Sagan nun einmal unvermeidlich ist, wenn wir einen Astrophysiker als Stiftungsprofessor begrüßen, mit einem letzten Zitat schließen, das sofort eingängig ist:

"Other things being equal, it is better to be smart than to be stupid."

In diesem Sinne, lieber Herr Professor Wetterich, freue ich mich, dass Ihre spannende Vorlesungsreihe "Vom Urknall zur Dunklen Energie – Eine Zeitreise durch das Universum" uns in den kommenden Monaten in Sachen Universum klüger machen wird.

Ich wünsche Ihnen und den ebenso hoch angesehenen Kolleginnen und Kollegen (darunter zwei Nobelpreisträger), die Sie aus aller Welt zu Gastvorträgen nach Mainz eingeladen haben, spannende Veranstaltungen. Ich bin ganz sicher: Sie werden auf großes Interesse stoßen.

Ich darf Sie nun bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Mainz einzutragen.